Gastbeitrag von Johannes Katsarov, Koordinator der NICE Stiftung (Network for Innovation in Career Guidance & Counselling in Europe )

Vom 5.-8. September 2018 hielt die neu gegründete Stiftung des Network for Innovation in Career Guidance and Counselling in Europe (NICE) ihre erste europäische Akademie in Krakau ab. Mit den Akademien möchte NICE das derzeitige Angebot an internationalen Konferenzen um ein neues Format ergänzen, bei welchem das Lernen und der Austausch der Beteiligten im Vordergrund stehen. Es handelt sich entsprechend nicht um Konferenzen, sondern um groß und breit angelegte Fortbildungsveranstaltungen für Praktizierende der Beratung sowie für Ausbildende von Beratenden.

Thema der ersten NICE-Akademie war die Frage, wie der Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis in der Bildungs- und Berufsberatung ausgebaut werden kann. Dieser Frage widmete sich – nach einem herzlichen Empfang mit allerhand Getränken und Häppchen – auch sogleich die erste KeynoteSprecherin Jenny Bimrose von der University of Warwick (UK). Sie stellte die Frage in den Raum, welche Rolle die Theorie überhaupt für die Beratungspraxis spielt, und regte die Beteiligten immer wieder dazu an, in kleinen Gruppen über verschiedene Leitfragen zu diskutieren.

Am nächsten Morgen sprach sich der zweite Keynote-Sprecher, Scott Solberg von der Boston University (USA), für ein Umdenken in der Bildungs- und Berufsberatung aus. Es gelte, in einem höheren Maße als bisher, die Menschen durch         sozio-emotionales Lernen zur eigenständigen Gestaltung ihrer Bildungs- und Berufsbiografien zu ermächtigen, sie z.B. zum Umgang mit Unsicherheit zu befähigen.

In direktem Anschluss an diese Worte, die zum Neu-Denken der Praxis einluden, hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, zwischen einigen 90-minütigen Training-Workshops zu wählen. Besonders beliebt war eine Master-Class zu „Career Guidance for Social Justice”, die von Tristram Hooley (UK), Ronald Sultana (Malta) und Rie Thomsen (Dänemark) angeboten wurde. Ich habe meinerseits an einem Workshop zur Unterstützung von Migrierten und Geflüchteten von Anne Chant und Hazel Reid (UK) teilgenommen. Dort lösten wir u.a. mathematische Aufgaben, während unsere Nebensitzer*innen uns allerhand seltsame Fragen zu anderen Themen stellten – um uns ein Bild davon zu machen, welche gedanklichen Lasten gerade Geflüchtete oftmals mit sich herumtragen.

Insgesamt wurden auf der Akademie rund 12 solcher Workshops angeboten – und von den Beteiligten sehr positiv angenommen. Eine zentrale Bedingung war, dass mindestens 60 Minuten der Workshops auf Diskussionen, Einzel- und Gruppenaufgaben aufgewendet würden. In dem anderen Workshop, den ich besuchte, leitete uns Nurten Karacan Özdemir (Türkei) beispielsweise an, therapeutische Karten intuitiv auszuwählen, um uns verschiedener Aspekte unserer eigenen Laufbahnen bewusst zu werden.

Was ich dabei über mich selbst gelernt habe (und über einen geschätzten Kollegen), hat mich nachhaltig beeindruckt. Die Akademie bot auch Raum für die Präsentation und Diskussion neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Beratungspraxis und zum Training von Beratenden. Die NICE Stiftung möchte durch ihre Akademien auch einen Beitrag dazu leisten, dass sich wissenschaftliche Beiträge künftig stärker darum bemühen, für die Innovation der Praxis und der Ausbildung genutzt zu werden.

Ein weiteres Highlight für viele Beteiligte stellten parallele Workshops unter dem Motto „It takes two to tango“ dar. Beratende und Akademiker*innen diskutierten hierbei mit der Dynamic-Facilitation-Methode darüber, welche praktischen Herausforderungen z.B. die Klärung des Anliegens mit sich bringt, worin eine gute Praxis besteht, welche Ausbildungsmethoden geeignet sind, um Beratende entsprechend zu trainieren, und wo weiterer Forschungs- und Entwicklungsbedarf besteht.

Faszinierend war an den entsprechenden Diskussionen, wie viel die Beteiligten voneinander lernen konnten, und wie viele Ideen gesammelt wurden, um die bestehende Praxis (Beratung & Ausbildung von Beratenden) zu verbessern. Eine Zusammenfassung soll 2019 veröffentlicht werden.

Zum krönenden Abschluss der Akademie sprach Mary McMahon (University of Queensland, Australien) darüber, wie ein systemisches Verständnis der Beratungssituation, der Klient*innen und der Beratenden die Praxis verändern kann, und wie es in der Praxis umgesetzt werden kann. Zwei Personen wurden auf der Akademie besonders geehrt, denen ich im Namen der NICE-Stiftung

an dieser Stelle nochmals herzlich gratulieren möchte: Christiane Schiersmann (Universität Heidelberg) erhielt den jährlichen Preis der European Society for Vocational Designing and Career Counselling (ESVDC) für ihre Lebensleistung im Bereich der Forschung zur Bildungs- und Berufsberatung. Bernd-Joachim Ertelt (HdBA Mannheim u.a.) wurde von der NICE Stiftung für seine lebenslangen Verdienste um die Ausbildung von Beratenden in Europa geehrt. Diese beiden Ehrungen wurden auf auch auf einem besonders herzlichen Gala-Dinner – veranstaltet von unserem Gastgeber Czeslaw Noworol (Uniwersytet Jagiellonski Krakow) – ausgiebig gefeiert.

Mit der ersten Akademie in Krakau möchte NICE einen Aufbruch und eine neue Tradition begründen. Die sehr positiven Rückmeldungen der rund 80 Beteiligten aus circa 25 Ländern zeigen, dass wir auf guten Weg sind, diesem Auftrag gerecht zu werden. Insofern freue ich mich sehr, an dieser Stelle auch auf die nächste NICE-Akademie hinzuweisen, die vom 9.-12. Oktober 2019 an der Universität Split in Kroatien veranstaltet wird. Thema sollen dieses Mal innovative Methoden und Ansätze der Bildungs- und Berufsberatung sein, und wir freuen uns bereits jetzt darauf, in einem Dialog zwischen Praxis und Forschung viel Neues zu lernen und unsere Horizonte zu erweitern.

Link zur Webseite www.nice-network.eu

https://econ.uj.edu.pl/en_GB/instytut/konferencje/nice_2018

Quelle des Artikels: http://www.dvb-fachverband.de/dvb/